LSVD Sachsen gratuliert dem Gerede e. V. zum 30-jährigen Bestehen

Der Gerede e. V. in Dresden feiert heute sein 30-jähriges Bestehen. Wir gratulieren ganz herzlich und freuen uns, bei eurer Feier dabei zu sein!

Das Grußwort von Vorstandsmitglied Tom Haus:

Liebes Geburtstagskind,
liebes Team vom Gerede e.V.,

liebe Freund*innen,

30 Jahre Gerede – 30 Jahre Community in Dresden. Auf das, was ihr hier aufgebaut und geschaffen habt, könnt ihr mehr als stolz sein.

Heute ist ein Dresden ohne den GEREDE e.V. nicht denkbar und vor allem auch nicht wünschenswert. Ihr sorgt in Dresden dafür, dass die Vielfalt von unterschiedlichen Lebensweisen und Identitäten nicht nur leere Worthülsen bleiben, sondern auch aktiv im Stadtbild sichtbar und erlebbar werden.

Im Namen des LSVD Sachsen gratuliere ich Euch von Herzen zu eurem Jubiläum.

Als ihr vor 30 Jahren am 21. August 1990 als Verein geboren wurdet, gab es euch schon. Ihr habt, so habe ich es zumindest gelesen, bereits 1983 als Arbeitskreis „Homosexualität“ in Dresden das Licht der Welt erblickt. Damit wart ihr einer der Wegbereiter unserer Bewegung in Sachsen und vor allem auch hier in Dresden.

1983, da war auch der Schwulenverband in der DDR (SVD) noch ein Traum einiger Aktivist*innen.

Während in der Bundesrepublik noch der Schandparagraf § 175 im Strafgesetzbuch stand, hatte ihn die DDR bereits im Jahr 1968 abgeschafft und so zumindest die Liebe zwischen zwei erwachsenen Männern straffrei gestellt. Alles gut war damit jedoch noch lange nicht.

In der DDR existierten fast keine Orte, wo schwules oder lesbisches Leben offen möglich war. Es waren erst die 80er Jahre in denen sich zwischen Magdeburg, Leipzig, Dresden und Ost-Berlin die Arbeitskreise „Homosexualität“ gründeten.

In diesen Arbeitskreisen wurde diskutiert, Literatur gelesen, Wissen erarbeitet, wurden Forderungen entwickelt: nach Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, nach einer fairen Berichterstattung in den Medien, nach Respekt und Gleichberechtigung. Vor allem aber haben diese Arbeitskreise vielen Menschen erstmals einen Freiraum geschaffen, einen Ort, wo sie einfach sein konnten, wie sie sind.

In einem dieser Arbeitskreise in Dresden keimte dann auch die Idee, mit Schulaufklärung der Stigmatisierung von homosexueller Liebe entgegenzuwirken. 1987 habt ihr, lieber Gerede e.V., euer erstes Schulaufklärungsprojekt ins Leben gerufen. Unter dem Namen GEREDE seid ihr in die Dresdner Schulen gegangen und habt eure Idee von einer vielfältigen Gesellschaft in die Klassenzimmer gebracht. Mit dieser wichtigen Schul-Arbeit seid ihr noch heute erfolgreich und hier in Dresden unersetzbar.

Als LSVD in Sachsen pflegen wir zu euch eine lange und manchmal auch wilde Freundschaft. Gemeinsam haben wir für die Öffnung der Ehe gekämpft, wir haben gefeiert, machen uns für die Rechte von Trans* und Inter* stark und ja, wir haben auch gestritten – aber das hat unsere Freundschaft nie belastet, sondern uns vor allem auch gestärkt. Heute bringen wir nicht nur gemeinsam den IDAHOBIT* am 17. Mai in die sächsischen Städte, sondern wir sind als Verbände vor allem auch in der wichtigen Unterstützungsarbeit für queere Geflüchtete aktiv. Gemeinsam mit unseren Freund*innen von RosaLinde Leipzig haben wir über die Städte Dresden, Leipzig und Chemnitz hinaus ein Netzwerk etabliert, was nicht nur queere Menschen unterstützt, die aus Angst vor Verfolgung und Tod aus ihrer Heimat fliehen mussten, sondern auch Beratungsstellen und Einrichtungen der Flüchtlingshilfe zum Thema „LSBTIQ & Flucht“ sensibilisiert.

Dass Menschen immer noch in rund 70 Staaten der Erde verfolgt und mit dem Tode bedroht werden, nur weil sie gleichgeschlechtlich lieben, ist mehr als eine Schande.

Die Verfolgung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans*, intergeschlechtlichen und queeren Menschen (LSBTIQ*) passiert jedoch nicht nur viele tausend Kilometer weit weg von uns, sondern leider auch direkt vor unserer Haustür – in Polen.

Wir denken an die Angriffe auf CSD-Demonstrationen in Białystok, Lublin und Breslau 2019. An einen katholischen Bischof von Krakau, der vor einer imaginierten „Regenbogenpest“ warnt und Gerichte, die darin keine strafrechtlich relevante Hassrede sehen.

Wir erinnern uns an selbsternannte „LGBTI-freie Zonen“ auf fast einem Drittel des polnischen Staatsgebiets und nahezu willkürliche Festnahmen von mehr als 45 LSBTI-Aktivist*innen in Warschau im August dieses Jahres.  All das passiert in unserem Nachbarland, einem Mitgliedstaat der Europäischen Union, in Polen.

Wer jedoch denkt, dass so etwas in Deutschland nicht möglich ist, der irrt. Allein der Anblick einer Drag Queen, einer trans* Person oder eines lesbischen oder schwulen Paares kann auch hier bei uns immer noch Gewalttäter motivieren, brutal zuzuschlagen. Aus solchen Taten spricht Hass. Wenn vor jedem verliebten Blick, vor einer Umarmung, vor einem Kuss im öffentlichen Raum zuerst die Umgebung gecheckt werden muss, ist das eine erhebliche Einschränkung unserer Freiheit.  Diese Freiheit wird auch immer wieder von Rechtspopulisten, Rechtsradikalen und religiösen Fundamentalisten bedroht. Am Sonntag startet beispielsweise wieder der „Hass-Bus“ der sogenannten „Demo für alle“ seine Schreckenstour durch Deutschland. Die Anhängerschaft um Hedwig von Beverfoerde möchte uns wieder in dunkle Ecken verbannen und ist sich nicht zu schade, unter dem Deckmantel des Kinderschutzes ihre LSBTIQ*-feindliche Ideologie in die Welt zu propagieren.  Morgen werden unsere Freund*innen in Erfurt diesem homophoben und transfeindlichen Tross einen gebührenden Empfang bereiten.

Gemeinsam müssen wir als Community diesen menschenfeindlichen Ideologien mutig und vor allem geeint entgegentreten. Häufig lassen wir uns von eigenen Konflikten in unserer Community vom wesentlichen ablenken. Lasst uns immer daran denken, wenn wir nicht gemeinsam auftreten und gemeinsam streiten, gewinnen diejenigen, die uns eine Regierung aufzwingen wollen, wie wir sie in Ländern wie Russland, Ungarn oder auch Polen erleben. Gemeinsam müssen wir für eine Gesellschaft eintreten, die es allen Menschen garantiert, jederzeit, an jedem Ort, ohne Angst und Anfeindung verschieden zu sein zu können. Dieser Herausforderung lieber Gerede e.V. möchten wir uns gemeinsam mit euch stellen.

Wir wünschen euch für eure zukünftige Arbeit Kraft, Zuversicht und weiterhin einen langen Atem!

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